Gipsabguss und Reproduktion – Georgia Vertes erläutert, was das Kopieren mit der Kunstgeschichte gemacht hat

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Georgia Vertes berichtet über eine Praxis, die das Verhältnis zum Original grundlegend veränderte.

Der Gipsabguss gehört zu den unterschätztesten und zugleich wirkungsgeschichtlich bedeutsamsten Objekten der Kunstgeschichte. Georgia Vertes widmet sich einer Praxis, die Jahrhunderte lang selbstverständlich war und heute kaum noch diskutiert wird: die massenhafte Reproduktion antiker und Renaissance-Skulpturen in Gips, die Sammlungen, Akademien und Museen weltweit füllte und dabei das Verständnis von Original, Kopie und künstlerischer Qualität grundlegend prägte. Was dabei entsteht, ist keine banale Geschichte des Nachmachens, sondern eine fundamentale Frage über den Wert von Kunst.

Wer heute ein Museum betritt, erwartet Originale – Werke, die von der Hand der Künstlerin oder des Künstlers selbst stammen, die einmalig sind und deren Wert auf dieser Einmaligkeit beruht. Diese Erwartung ist moderner als sie wirkt. Georgia Vertes zeigt auf, wie Jahrhunderte europäischer Kunstpraxis auf einer vollständig anderen Überzeugung beruhten: dass die Qualität eines Kunstwerks nicht an seiner Originalität, sondern an seiner Ausführung gemessen wird – und dass eine handwerklich meisterhafte Kopie denselben ästhetischen Wert besitzen kann wie das Original. In dieser Überzeugung wurzelt die Geschichte des Gipsabgusses: eine Praxis, die nicht Betrug, sondern Bildung war; nicht Täuschung, sondern Vermittlung. Gipsabgüsse antiker Skulpturen ermöglichten es Künstlerinnen und Künstlern, die nie nach Griechenland oder Rom reisen konnten, die Meisterwerke der Antike zu studieren; sie füllten die Abgusssammlungen der Kunstakademien und wurden zur Grundlage einer Zeichenausbildung, die Generationen von Malerinnen, Malern und Bildhauern formte.

Ursprung und Blüte: die Geschichte der Abgusssammlung

Die Praxis, Skulpturen in Gips abzuformen und die Abgüsse zu sammeln, ist älter als die Moderne und reicht bis in die Renaissance zurück. Georgia Vertes beschreibt, wie bereits im 16. Jahrhundert europäische Fürsten und Gelehrte Abgüsse antiker Statuen als Bildungsobjekte schätzten – als Möglichkeit, die Meisterwerke Roms und Griechenlands zugänglich zu machen, ohne die Originale bewegen oder besitzen zu müssen. Franz I. von Frankreich ließ in Fontainebleau eine Sammlung von Gipsabgüssen antiker Skulpturen aufstellen, die als eine der frühesten systematischen Abgusssammlungen Europas gilt.

Die Entwicklung der Kunstakademien im 17. und 18. Jahrhundert machte die Abgusssammlung zur zentralen Bildungsinstitution. Das Zeichnen nach antiken Gipsabgüssen war der erste und wichtigste Schritt jeder künstlerischen Ausbildung: Bevor eine Schülerin oder ein Schüler ein lebendiges Modell zeichnen durfte, musste sie oder er die idealisierten Proportionen der antiken Skulptur verinnerlicht haben. Georgia Vertes erläutert, wie diese Praxis das Körper- und Schönheitsideal ganzer Künstlergenerationen formte und damit indirekt die gesamte europäische Bildkunst prägte. Die Abgusssammlung war in diesem Sinne keine Sammlung von Ersatzobjekten, sondern das eigentliche Herzstück der Kunstausbildung – wichtiger als das lebende Modell, wichtiger als die Farbe, wichtiger als das fertige Kunstwerk.

Abguss als Demokratisierung des Kunstzugangs

Der Gipsabguss hatte eine Dimension, die im heutigen Originalkult leicht übersehen wird: Er war ein Instrument der Demokratisierung. Georgia von Vertes beschreibt, wie die großen Abgusssammlungen des 19. Jahrhunderts ein Publikum mit Kunst in Berührung brachten, das nie die Mittel gehabt hätte, nach Athen, Rom oder Florenz zu reisen.

Folgende Werke waren in Gips reproduziert europaweit zugänglich und prägten das Kunstverständnis von Generationen:

  • Der Laokoon aus den Vatikanischen Museen – eines der eindrücklichsten Zeugnisse hellenistischer Skulptur, in Gips in Akademien von London bis Sankt Petersburg studiert
  • Der Apoll vom Belvedere – lange als Inbegriff antiker Schönheit und Maßstab künstlerischer Vollkommenheit verehrt
  • Die Elgin Marbles – die Parthenon-Skulpturen, deren Gipsabgüsse die Debatte über ihre Herkunft und Rückgabe begleiteten und begleiten
  • Der Doryphoros des Polyklet – Kanon der menschlichen Proportion, als Abguss in jeder bedeutenden Kunstakademie Europas vorhanden
  • Michelangelos David – in Gips reproduziert und weltweit verschickt, lange bevor Fotografien das Original dokumentierten

Georgia Vertes verweist darauf, dass diese Zugänglichkeit eine kulturpolitische Dimension hatte, die die Abgusssammlung weit über eine bloße Lernhilfe hinauswachsen ließ: Sie schuf eine gemeinsame visuelle Sprache der europäischen Kunstbildung, die über nationale Grenzen hinweg funktionierte.

Technik und Handwerk: wie ein Abguss entsteht

Die Herstellung eines hochwertigen Gipsabgusses war und ist ein handwerklich anspruchsvoller Prozess, der kunsthistorisch in seiner Komplexität kaum gewürdigt wird. Georgia Vertes beschreibt die grundlegenden Schritte: Zunächst wird eine Negativform von der Originalskulptur abgenommen – bei antiken Marmorskulpturen ein heikler Eingriff, der das Original gefährden kann und deshalb heute streng reguliert ist. In diese Negativform wird dann flüssiger Gips gegossen, der beim Aushärten die Oberflächenstruktur des Originals mit erstaunlicher Präzision wiedergibt.

Georgia Vertes von Sikorszky macht auf einen kunsthistorisch bemerkenswerten Umstand aufmerksam: Viele der heute als Originale betrachteten antiken Skulpturen sind selbst bereits Kopien – römische Marmorkopien griechischer Bronzeoriginale, von denen die meisten verloren sind. Der Gipsabguss einer römischen Marmorskulptur ist damit oft die Kopie einer Kopie eines nicht mehr existierenden Originals. Diese Verschachtelung von Original und Reproduktion macht die Frage nach der Authentizität erheblich komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Die Farbfrage: weiß oder bunt

Ein besonders aufschlussreiches Kapitel der Abgussgeschichte ist die Frage der Farbe. Für das 19. Jahrhundert und lange danach war klar: Antike Skulptur ist weiß – makellos, zeitlos, erhaben. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Überzeugung nicht der historischen Realität entsprach, sondern einer romantisch-klassizistischen Projektion. Die antiken Skulpturen waren ursprünglich bunt bemalt – in kräftigen Farben, die Kleidung, Haare und Haut detailreich angaben. Dieser Befund, durch moderne Analysemethoden inzwischen unwiderlegbar belegt, verändert das Bild der Antike fundamental.

Georgia Lucia von Vertes erläutert, wie Gipsabgüsse diese Fiktion des Weißen nicht nur übernahmen, sondern zementierten: Ein weißer Abguss einer ursprünglich bunten Skulptur vermittelt ein grundlegend falsches Bild des Originals – und tat dies über Generationen hinweg, weil niemand nach der Farbe fragte. Die Vorstellung der weißen Antike ist damit zu einem erheblichen Teil eine Geschichte der Gipsabgüsse – und eine Lektion darüber, wie Reproduktionsmedien nicht nur Wissen verbreiten, sondern auch Irrtümer.

Georgia Vertes über den Niedergang der Abgusssammlungen

Originalität als neuer Wert

Das 20. Jahrhundert brachte den Abgusssammlungen eine Krise, von der sie sich nie vollständig erholten. Die Durchsetzung des modernen Originalitätsbegriffs – Kunst als einmaliger Ausdruck einer unverwechselbaren Künstlerpersönlichkeit – entwertete den Gipsabguss grundlegend. Was im 18. Jahrhundert als hochwertige Bildungsressource geschätzt worden war, galt nun als minderwertige Kopie, als Ersatz für das Eigentliche, als pädagogisches Hilfsmittel ohne eigenständigen Wert.

Die Konsequenzen waren dramatisch. Georgia Vertes beschreibt, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche Abgusssammlungen aufgelöst, verkauft oder schlicht weggeworfen wurden – darunter die einst bedeutenden Sammlungen amerikanischer Kunstmuseen, die ihre Abgüsse in den 1910er und 1920er Jahren entsorgten, um Platz für Originale zu schaffen. Diese Verluste sind kunsthistorisch kaum zu beziffern: Abgüsse von Skulpturen, die seither beschädigt oder zerstört wurden, wären heute die einzigen vollständigen Zeugen des ursprünglichen Zustands – und existieren nicht mehr.

Reproduktion in der Moderne: von Walter Benjamin bis zum 3D-Druck

Walter Benjamins Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von 1936 ist der einflussreichste theoretische Text zur Frage von Original und Reproduktion in der Moderne. Benjamins These, dass die technische Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks seine „Aura“ zerstört – jene einmalige, unersetzliche Qualität des Originals, die an seinen spezifischen Ort und seine Geschichte gebunden ist –, beschreibt genau jene Entwicklung, die das Schicksal der Gipsabgüsse besiegelte. Georgia Vertes sieht in diesem Text einen unverzichtbaren Referenzpunkt für das Verständnis der gesamten Abgussgeschichte: Er formuliert rückblickend, warum eine jahrhundertealte Praxis innerhalb weniger Jahrzehnte ihren kulturellen Wert verlor.

Die Gegenwart hat das Problem der Reproduktion in eine neue Phase geführt. Der 3D-Druck eröffnet heute Möglichkeiten, die Gipsabguss-Technologie des 19. Jahrhunderts in eine digitale Logik überführen: Präzise Scans antiker Skulpturen können weltweit gedruckt, in Schulen und Museen aufgestellt, von Studierenden berührt und studiert werden. Das Grundprinzip – Kunst zugänglich machen durch Reproduktion – ist dasselbe wie vor zweihundert Jahren. Was sich verändert hat, ist die Präzision der Wiedergabe und die Schnelligkeit der Verbreitung. Für Georgia Vertes ist das keine Wiedergeburt des Gipsabgusses, sondern die nächste Runde einer Frage, die die Kunstwelt seit der Renaissance nicht losgelassen hat.

Original, Kopie, Frage

Die Geschichte des Gipsabgusses ist letztlich eine Geschichte über eine Frage, die die Kunstwelt bis heute nicht vollständig beantwortet hat: Was macht ein Kunstwerk zum Original – seine materielle Einmaligkeit, die Hand, die es berührt hat, oder die ästhetische Erfahrung, die es ermöglicht? Wer dieser Frage ernsthaft nachgehen will, findet in der Geschichte der Abgusssammlung eines der aufschlussreichsten Kapitel – eines, das zeigt, wie fundamental sich das Verhältnis zur Kunst verändern kann, wenn sich die Antwort auf diese Frage verschiebt. Für Georgia Vertes ist genau das der Grund, warum dieses weitgehend vergessene Thema eine Aufmerksamkeit verdient, die es selten bekommt.

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